aktualisiert: 21.11.16
Ergänzende Erläuterungen zu "Rohstoffe und Knowhow"

von Christwart Conrad


Potential
"Rohstoffe und Knowhow" will in erster Linie Spielspaß vermitteln. Daher ist es so angelegt, dass jede Teilgruppe eine Gewinnchance hat. Es eignet sich dennoch (oder gerade deswegen) für den Einsatz in der Bildungsarbeit. Desweiteren liegt hiermit ein Spiel für Gruppen vor, das einige Aspekte der komplexen weltwirtschaftlichen Zusammenhänge thematisiert. Es erhebt weder den Anspruch, Wirklichkeit getreu abzubilden, noch sich an bestehenden Fakten genau zu orientieren. Es ist vielmehr abstrakter Natur. Dennoch bietet sich im Anschluss an das durchgeführte Spiel ein breiter Boden für eine Vielzahl von Fragen zu den Themenkreisen Entwicklungspolitik, Ressourcen, Weltwirtschaft, Angebot und Nachfrage, Kooperation, Abhängigkeit, Arbeitsteilung, Absprachen, Delegation u. v. m. In diesem Zusammenhang wird angemerkt, dass die Bezeichnungen ("Industrieland", "Rohstoffland") bewusst gewählt sind. Auf wertende Begriffe wie "entwickelt", "Entwicklungsländer", "zivilisiert", "3. Welt" usw. wurde absichtlich verzichtet.
Das Spiel läuft nicht - wie sonst bei vielen Brett- und Planspielen üblich - in Runden oder Phasen ab, sondern in Echtzeit. D.h., alle spielen parallel, niemand muss warten, bis er "dran" kommt. Dadurch sind die Spieler in besonderem Maße - auch emotional - herausgefordert. Nur allzu leicht geht es hoch her und die ein oder andere Regel (sei es die Spielregel, oder seien es Regeln, die Umgangsformen und Umgangston betreffen) wird im Eifer des Gefechts nicht beachtet. Der Spielleiter sollte darauf ein Auge haben, jedoch nur in wirklich gravierenden Fällen eingreifen. Die für den Anschluss empfohlene ausführliche Auswertungsphase kann auch diesen Erlebnisbereich zur Sprache bringen.

Die weiteren Erläuterungen wollen keine ausführliche Spielregel sein, sondern einen Einblick in den Charakter des Spiels geben und beispielhaft Aspekte beleuchten. Sollte dies Ihr Interesse geweckt haben, verweise ich auf unten stehende Bestelladresse.

Abmachungen
Innerhalb einer Ländergruppe können die Spieler die Aufgaben aufteilen, sich abwechseln o.ä. Wenn ein Gruppenmitglied mit Spielern anderer Länder verhandelt, sollten die Entscheidungsbefugnisse vorab geklärt sein. Die bindende Abmachung ist die Regel.
Dies kann sowohl innerhalb einer Gruppe (vorab sollten die Gruppenmitglieder dazu eine Regelung getroffen haben) geschehen als auch zwischen den Gruppen, ist allerdings nur zwischen 2 Parteien möglich und nur für kurzfristige Deals. Man darf Material tauschen, verkaufen oder bis zu einer festgelegten Zeit (Uhrzeit) gegen Geld (sofort) oder Material verleihen. Man darf auch auf Gegenseitigkeit verleihen. Produktion ist nur mit Originalmaterial zulässig, d.h. private Scheren, Kartonpapiere usw. dürfen nicht im Spiel verwendet werden.

Halbfertige Produkte:
Man kann auch vorgezeichnete, aber noch nicht ausgeschnittene Produkte verkaufen. Sie gelten als halbfertig. Dazu wird ein gesonderter Kursmarkierer bewegt, der gleichzeitig mit dem normalen startet. Der Erlös ist ein Zehntel des notierten Preises. Die Preisveränderung richtet sich wie immer nach der eingelieferten Stückzahl.

Aktien
Man kann beim SL eigene und fremde Aktien zum aufgedruckten Preis kaufen. Mit eigenen Aktien darf man nicht handeln (d.h. man darf sie nur von der Bank erwerben und erworbene nur bis zum Schluss aufbewahren.) Wert bei Spielende: 10% Beteiligung am Länderwert (ohne dessen Aktienbesitz).

Vereinfachung
Spielern im Alter von ca. 10-12 Jahren sowie spielerisch Unbedarften kann man folgende Variante anbieten: Man spielt nur 70 Minuten und lässt die Aktien vollständig weg. Man sollte sich allerdings dabei bewusst sein, dass man sich den einfacheren Zugang damit erkauft, dass man auf einen reizvollen und spieldynamisch wirksamen Aspekt des Spiels verzichtet.

Raumaufteilung
Hilfreich ist ein großer Raum, evt. mit Nischen o. ä. Die einzelnen Ländermannschaften sollten die Möglichkeit haben, ihr Land auch im Raumzusammenhang gestalten zu können, etwa indem sie Tische, Stühle, Pinn-Wände o.ä. als Abgrenzung verwenden können. Wenn genug Zeit ist, kann man anregen, ausschmückende Details (länder-typische Bezeichnungen, Hinweisschilder, Werbung, Fahnen, Produkte ...) anzubringen. Auch Differenzierungen im "Landesinnern" (Pressesprecher, persönlicher Referent, Besucherraum, Verhandlungszimmer, Arbeits-werkstätten) sind bei viel Platz und Zeit möglich.

möglicher Zeitbedarf:
Spielphase (Minutenangabe in Klammern)
Konstitution der Gruppen (1-5)
ausführliche Regelerklärung (10-15)
Arrangement der Länder im Raum/in den Zimmern (2-8)
gruppeninterne Besprechung (kein Zutritt für Fremde) (5-10)
Spiel (Echtzeit) (30-40)
Unterbrechung für gruppeninterne Besprechung (fakultativ) (10)
Spiel (Echtzeit) (45-60)
Pause (parallel: Erhebung der Daten durch den SL) (10-15)
Abrechnung, Vorstellung des Spielergebnisses (2-5)
Auswertung (Spielerlebnis, Spielstrategie, Spielstruktur) (12-45)
Diskussion/Gesprächsrunde: Übertragung auf die Realität (Unterschiede, Parallelen, strukturelle Mechanismen...) (15-240)

Ersteinsatz
Vor dem ersten Einsatz sollte(n) der (die) Spielleiter die Anleitung gründlich durchgearbeitet haben, das vorhandene Material vorbereitet und zu ergänzendes Material besorgt haben. Das Spiel sollte so ausführlich erklärt werden, dass alle Teilnehmer es verstanden haben. Dazu dient insbesondere auch das Schaubild der Produktionskette, das entweder mehrfach vergrößert an die Wand gehängt wird oder mehrfach an die Teilgruppen ausgegeben wird.
Tipps: Gleichwohl sollte man sich mit taktischen Tipps zurückhalten, da ein besonderer Reiz im Spiel natürlich darin liegt, Taktiken und Strategien selbständig zu entwickeln und umzusetzen. Es ist nicht immer einfach, Tippgebung von Spielregelfragen abzugrenzen, da manche Teilnehmer leichtfertig ohne Not Einschränkungen unterstellen. Wichtig ist zu betonen, dass die Länder aufeinander angewiesen sind und es in der bisherigen Praxis - nach einer Anfangsphase der Ratlosigkeit - immer noch zu einer erfolgreichen Produktionskette gekommen ist. Allerdings sollte dabei ausdrücklich klar werden, dass die (nächstliegende) Strategie, sich mit einem Land der anderen Kategorie vollständig zusammenzutun und gemeinsame Kasse zu machen, dem Sinn des Spieles zuwiderläuft. Dadurch wäre es ausgehebelt und der Reiz ginge verloren.

Spieleranzahl:
"Rohstoffe und Knowhow" ist in der Grundversion für 8-30 Teilnehmer konzipiert. Es ist erweiterbar auf 100 und mehr Teilnehmer. In 6 Ländergruppen entfaltet es seine Dynamik optimal. Zu fünft ist der Konkurrenzdruck auf der Seite mit den 3 Parteien naturgemäß stärker als auf der Seite mit 2 Parteien. Daher sollte der Spielleiter die 3 betroffenen Länder auf diese besondere Herausforderung hinweisen, damit sie diesem - insgesamt eher leichten - Ausgangsnachteil begegnen können. Optimal ist eine gleiche Personenanzahl pro Land. Am interessantesten spielt es sich mit 3 Teilnehmern pro Land.

Material
Materialausgabe:
Das Material, das im Spiel verwendet wird, ist auf den Anfangsbestand begrenzt, der den Teilnehmern jedoch unbekannt ist (in kursiv angegebenes Material ist im Handmuster nicht enthalten).
Infoblätter: Beigefügt sind Infoblätter für das Standardszenario (4, 5 oder 6 Länder) jeweils pro Land 5 Kopien (für jeden TN eine), sowie eine vom SL vor dem Spiel zurückzuhaltende Kopienvorlage für spätere Einsätze einschließlich der Vorlagen für 4 weitere Szenarien.
Schablonen: Die Zuordnung der Form zu einem Rohstoff kann der Spielleiter nach Gutdünken vornehmen, da das Spiel alle Variationen gut verträgt. Ihre Unterschiedlichkeit ruft folgende Effekte hervor: Große Formen verbrauchen mehr Platz als kleine; differenzierte Konturen sind schwieriger auszuschneiden, wodurch die Rohstoffe unterschiedlich schwer zu "fördern" sind. Insbesondere bei der Entwicklung neuer Szenarien kann der Spielleiter diese Unterschiede bei der Zuordnung mit einbeziehen.
Stifte: Sie sind absichtlich klein und unhandlich, um die Produktion nicht zu einfach zu machen. Um die Spieler weniger in Versuchung zu führen, auf eigenes Schreibgerät zurückzugreifen, werden (antiquierte) Farbstifte verwendet.
Scheren: Die beigefügten Scheren haben absichtlich abgerundeten Spitzen, um Gefährdungen in der Hektik des Spiels auszuschließen. Ihre Schneidequalität ist den besonderen Anforderungen des Spiels angepasst.
Timer: Am praktischsten ist ein Timer, den man auf eine bestimmte Ablaufzeit einstellen kann und der dann immer piept. Zur Not genügt auch eine Uhr mit Sekundenzeiger. In diesem Fall ist ein aufmerksamer Spielleiter vonnöten, der die Kursanpassungen nicht versäumt.
Glocke: Hier genügt irgendein geräuschverursachendes Gerät, das es dem Spielleiter bei der aufkommenden Turbulenz erleichtert, sich Gehör zu verschaffen.
Tafel: Blätter mit unterstützenden Infos zur Spielregel können auch an die Wand gehängt werden. Die Auswertung an der Tafel ist sicherlich anschaulicher, zur Not ist sie natürlich auch auf Papier am Tisch durchführbar.
Geldsortierfächer: Man kann das Spielgeld zwar auch lose auf dem Tisch auslegen - möglichst mit nicht zu knappem Abstand von einander, da die schnell einsetzende Hektik leicht ein Durcheinander erzeugt. Aber es empfiehlt sich, geeignetes Hilfsmaterial Schachtelspielen (z. B. Monopoly) zu entnehmen.

Zweiteinsatz
Auch Teilnehmern, die das Spiel schon einmal gespielt haben, kann man das Spiel erneut anbieten. Hierzu verwende man eine der beigefügten weiteren Versionen, die sich immer in mehrfachen Parametern unterscheiden. Die weiteren Szenarien sind mit einer Buchstaben/Zahlenkombination kodiert.
Man kann sich natürlich auch selbst neue ausdenken. Eine gewisse Unsymmetrie zu Beginn ist nicht schädlich, sondern eher interessant; ein Land, das in dem einen Bereich einen Nachteil hat (z. B. teure Rohstoffe) sollte dann immer einen besonderen Vorteil (z.B. zusätzliche Schablonen, höheres Startkapital o.ä.) haben.

Chancengleichheit
Vielen mag die anfängliche Startsituation der Rohstoffländer als benachteiligt erscheinen. Dies mag für den Anfang durchaus stimmen (der Anfangswert der Industrieländer liegt ja auch durchweg höher) - jedoch sicherlich nicht fürs ganze Spiel. Da beide Seiten aufeinander angewiesen sind, kann man in den Verhandlungen einen (Anfangs-)Nachteil mehr als ausgleichen, abgesehen davon kann man sich mit Aktien recht gut an der Konkurrenz beteiligen, sobald man einigermaßen "flüssig" geworden ist. Auf lange Sicht aber stellt sich nämlich die Situation - wie in Wirklichkeit auch - umgekehrt dar: Haben die Rohstoffländer erst einmal das Knowhow erworben, sind sie relativ unabhängig - während die Industrieländer immer wieder aufs neue auf Rohstoffe angewiesen sind. Würde das Spiel also z. B. doppelt so lange dauern, sähe es für die Industrieländer sehr schlecht aus.

Abrechnung (nach der vereinbarten Zeit: 90 min)
1. Länderrohwert ermitteln
- Bargeld
- Material: Ankaufswert
- Angebrochene Kartonpapiere: verfällt.
- (Halb)fertiges Erz zum Schlusskurs
- Aktien zum Nennwert
2. modifizierter Länderrohwert:
Ausgleich bei unterschiedlicher Spieleranzahl pro Land
3. Aktienwert ermitteln
Jede Aktie ist 10% des modifizierten Länderwertes wert.
4. Aktiennennwert wieder abziehen
Alle Spieler des reichsten Landes haben gewonnen.

Bestelladresse:
sowie weitere Infos, Einsatzberatung, Durchführung von Spielaktionen beim Autor: Christwart Conrad, Gartenweg 55, 53229 Bonn, Tel.: 0228 - 422 93 20

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